Verantwortung

Donnerstag, 27. August 2009

Negation der Freiheit

Mit nachfolgendem Brief wandte sich Evo Morales am Dienstag (10. Juni) gegen die geplante Abschieberichtlinie der EU. Das Dokument wurde in Bolivien im Internet veröffentlicht und von den Botschaften verbreitet. (Quelle: http://www.gbw-wien.at/?art_id=514)

Evo Morales Ayma | 29.06.2009

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Europa ein Kontinent der Emigranten. Dutzende Millionen Europäer gingen nach Amerika, als Kolonisten, vertrieben von Hunger, Finanzkrisen, Kriegen oder auf der Flucht vor totalitären Regimen und der Verfolgung ethnischer Minderheiten.

Heute verfolge ich mit Besorgnis die Verhandlungen über die sogenannte Abschieberichtlinie der EU. Der Text, der am 5. Juni von den Innenministern der 27 Mitgliedsstaaten verabschiedet wurde, soll am 18. Juni im Europäischen Parlament zur Abstimmung stehen. Ich bin sicher, dass die Regelung auf drastische Weise die Voraussetzungen für Inhaftierung und Ausweisung von Migranten ohne Papiere verschärfen würde, wie lange sie sich auch schon in den europäischen Ländern aufhalten mögen; ungeachtet ihrer Arbeitssituation, ihrer familiären Beziehungen, ihres Integrationswillens und ihrer Integrationsfortschritte.

In die Länder Lateinamerikas und nach Nordamerika kamen die Europäer massenweise, ohne Visa und ohne Bedingungen, die ihnen von den Behörden gestellt wurden. Heute wie damals sind sie willkommen in unseren Ländern des amerikanischen Kontinents, der damals mit den Flüchtlingen auch das wirtschaftliche Elend Europas und seine politischen Krisen aufgenommen hat. Die Europäer waren auch auf unseren Kontinent gekommen, um seine Reichtümer auszubeuten und nach Europa zu schicken. Der Preis für die Urbevölkerungen Amerikas war hoch, wie das Beispiel der Stadt Potosí am Fuße des Cerro Rico mit seinen berühmten Silberminen zeigt. Sie lieferten dem europäischen Kontinent seit dem 16.Jahrhundert und bis zum 19.Jahrhundert den Rohstoff für Münzen.

Die europäischen Migranten, ihr Hab und Gut sowie ihre Rechte wurden bei uns immer respektiert.

Wirtschaftsfaktor Migration

Heute ist die Europäische Union das Hauptziel der Migranten der Welt. Der Grund ist der gute Ruf der Europäischen Union als Region von Prosperität und öffentlichen Freiheiten. Die Migranten kommen mehrheitlich in die EU, um zu dieser Prosperität beizutragen, nicht um sich ihrer zu bedienen. Sie wirken bei öffentlichen Arbeiten mit, in der Baubranche, im Bereich der Dienstleistungen und in Krankenhäusern. Sie übernehmen meist Tätigkeiten, die Europäer nicht ausüben können oder wollen. Sie tragen zur demographischen Dynamik des europäischen Kontinents bei, zur Aufrechterhaltung des notwendigen Verhältnisses zwischen aktiven und passiven Arbeitskräften, das seine großzügigen sozialen Systeme möglich macht. Sie geben dem Binnenmarkt neue Impulse und stützen den sozialen Zusammenhalt. Die Migranten bieten eine Lösung für die demographischen und finanziellen Probleme der EU.

Uns wiederum bieten die Migranten eine Hilfe zur Entwicklung, die uns die Europäer verweigern , da nur wenige Länder tatsächlich das Minimalziel von 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe aufwenden. Lateinamerika erhielt im Jahr 2006 indes 68 Milliarden US-Dollar Geldüberweisungen von Migranten. Das ist mehr das Doppelte der ausländischen Investitionen in unseren Ländern.

Weltweit erreichen diese Überweisungen von Migranten an ihre Familien 300 Milliarden US-Dollar. Dieser Betrag übersteigt die 104 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfe bei weitem. In meinem eigenen Land, Bolivien, entsprechen die Überweisungen mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes, rund 1,1 Milliarden US-Dollar und dem Wert eines Drittels unserer jährlichen Gasexporte.

Die Wirtschaftskraft der Migranten ist trotzdem vor allem für die Europäer von Vorteil und nur marginal für uns in der Dritten Welt. Wir verlieren Millionen unserer qualifizierten Arbeitskräfte, in die unsere Staaten, obwohl sie arm sind, unzählige Ressourcen investiert haben.

Leider verschlimmert die Abschieberichtlinie der EU diese Situation in erschreckender Weise. Auch wenn wir davon ausgehen, daß jeder Staat oder jede Staatengruppe die eigene Migrationspolitik in voller Souveränität definieren kann, können wir nicht akzeptieren, daß unseren Mitbürgern und lateinamerikanischen Brüdern die Grundrechte verweigert werden. Denn die EU-Abschieberichtlinie sieht die Möglichkeit der Einkerkerung der Migranten ohne Papiere bis zu 18 Monate vor. Danach folgt die Ausweisung oder ihre »Entfernung«, wie der exakte Terminus der Direktive lautet. 18 Monate! Ohne Urteil und Gerechtigkeit! Der vorliegende Entwurf der Richtlinie verletzt damit eindeutig die Artikel 2, 3, 5, 6, 7, 8 und 9 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Darin heißt es unter anderem: »Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen«. Und weiter: »Jeder hat das Recht, jedes Land, einsc
hließlich seines eigenen, zu ver
lassen und in sein Land zurückzukehren.«

Und was das Schlimmste ist: Es wird die Möglichkeit geschaffen, Mütter und Minderjährige, ohne ihre familiäre oder schulische Situation zu berücksichtigen, in Internierungszentren einzusperren. Die Folge sind Depressionen, Hungerstreiks und Selbstmorde. Wie können wir tatenlos akzeptieren, daß Mitbürger und lateinamerikanische Brüder ohne Papiere in Lagern eingepfercht werden? Und das, obwohl sie mehrheitlich seit Jahren dort gearbeitet haben und integriert sind. Auf welcher Seite besteht heute die Pflicht zu humanitärer Einmischung? Was ist mit der »Bewegungsfreiheit«, mit dem Schutz gegen willkürliche Haft?

Appell an das Gewissen

Parallel zu dieser Politik versucht die Europäische Union, die Andengemeinschaft (Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru) davon zu überzeugen, ein »Assoziierungsabkommen« zu unterzeichnen, das einen Freihandelsvertrag einschließt, der sich in Charakter und Inhalt nicht von den Verträgen unterscheidet, die die Vereinigten Staaten unseren Ländern aufzwingen.

Wir stehen unter intensivem Druck aus der Europäischen Kommission, die vollständige Liberalisierung im Handel, in den Finanzdienstleistungen, beim intellektuellen Eigentum und in unseren öffentlichen Diensten zu akzeptieren. Außerdem bedrängt man uns unter dem Vorwand des »juristischen Schutzes« wegen der Nationalisierung von Wasser, Gas und Telekommunikation, die wir am Internationalen Tag der Arbeit vorgenommen haben. Ich frage: Wo ist die »juristische Sicherheit« für unsere Frauen, unsere Jugendlichen, Kinder und Werktätigen, die in Europa bessere Aussichten suchen? Die Freiheit des Handels und der Finanzen soll gewährleistet werden, während wir unsere Brüder in Gefängnissen ohne Urteil sehen. Dies zu akzeptieren hieße, die Grundlagen der Freiheit und der demokratischen Rechte negieren.

Wenn die Abschieberichtlinie verabschiedet werden sollte, stehen wir vor einem ethischen Dilemma. Die Verhandlungen über Handelsfreiheit mit der EU könnten nicht vertieft werden. Wir behalten uns auch das Recht vor, für EU-Bürger die gleichen Visapflichten festzulegen, die den Bolivianern seit dem 1. April 2007 auferlegt werden. Bisher haben wir nichts unternommen, weil wir auf günstige Signale aus der EU gehofft haben.

Die Welt, ihre Kontinente, ihre Ozeane und ihre Pole sind von Problemen belastet: die globale Erwärmung, die Verschmutzung, der langsame aber sichere Verbrauch der Energieressourcen und die bedrohte Biodiversität. Hunger und Armut wachsen in allen Ländern und schwächen unsere Gesellschaften. Die Migranten, ob mit oder ohne Papiere, zu Sündenböcken für diese globalen Probleme zu machen, ist keine Lösung. (...) Diese Probleme sind das Ergebnis eines vom Norden aufgezwungenen Entwicklungsmodells, das den Planeten zerstört und die Gesellschaften der Menschen fragmentiert.

Im Namen des Volkes von Bolivien, aller meiner Brüder auf dem Kontinent und in Regionen der Erde wie dem Maghreb und den übrigen Ländern Afrikas richte ich einen Appell an das Gewissen der führenden europäischen Politiker und Abgeordneten, der Völker, Bürger und politisch aktiven Kräfte Europas: Die Abschieberichtlinie darf nicht verabschiedet werden. Es ist eine Direktive der Schande. Ich appelliere an die EU, in den nächsten Monaten eine Migrationspolitik zu erarbeiten, die die Menschenrechte respektiert, die es ermöglicht, diese vorteilhafte Dynamik zwischen den beiden Kontinenten zu erhalten. Ich appelliere an sie, die gewaltigen historischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schulden zu begleichen, die die Länder Europas gegenüber einem großen Teil der Dritten Welt haben. Die offenen Adern Lateinamerikas müssen verheilen. (Anspielung auf das Buch »Die offenen Adern Lateinamerikas« des Uruguayers Eduardo Galeano, d. Red.)

Die »Integrationspolitik« darf heute nicht auf die gleiche Weise versagen, wie die »zivilisatorische Mission« in der Zeit der Kolonien gescheitert ist. Nehmen Sie alle, Regierungsvertreter, Europa-Parlamentarier, Compañeras und Compañeros, brüderliche Grüße aus Bolivien entgegen. Unsere Solidarität gilt besonders allen »Illegalen«.
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* Evo Morales Ayma amtiert seit Januar 2006 und ist der erste indigene Präsident der Republik Bolivien

Freitag, 8. Februar 2008

Glück durch Bescheidenheit

Sollen meine Beiträge jeder gefallen und alle gelesen werden - oder geht es doch vor allem darum, dass ich es gerne mache und keine Erwartungen damit verbinde?
Feile ich stundenlang an einem Text, bis ich mit ihm 100% zufrieden bin (und verwerfe damit 90% der Beiträge), oder nehme ich zur Kenntnis, dass es manchmal flüssiger gelingt mich auszudrücken - und manchmal eben nicht?
Und vor allem: bin ich enttäuscht, dass sich nicht alle, ja vielleicht sogar "nur" 2-3 Personen angeregt fühlen, oder empfinde ich Freude über jede Einzelne?

Eine Frage der Ausrichtung

,... der Erwartungshaltung oder einfach der Bescheidenheit. Wie schnell lässt uns eine Euphorie, ausgelöst z.B. durch Verliebtheit oder beruflichen Erfolg, in die Höhe treiben. Und wie schwer tun wir uns, dann wieder zu sicher am Boden anzukommen, ohne dabei eine Bruchlandung einzulegen.

Dabei lässt sich bei den "einfachsten" Dingen beginnen: jeder neue Tag, jedes Essen, jede noch so scheinbare Selbstverständlichkeit. Ist es nicht! 852 Millionen Menschen hungern und keiner weiß, ob du oder ich morgen noch am Leben sind. Nein, nicht von dieser "Dramatik" auffressen lassen, auch nicht wegblenden, sondern Dankbarkeit entwickeln für jeden Bissen und für jeden Augenblick.

Ist das nicht ein völlig anderes empfinden?


Mein Leben wurde und ist dadurch reicher geworden, mein inneres Lächeln öfter präsent und all die Alltagsturbulenzen verlieren an Bedeutung - welch Erleichterung. So fällt mir das Leben einfacher - Dank der Bescheidenheit.

Natürlich folgt daraus nicht, dass ich nichts zu tun habe, damit andere Lebewesen ähnliches Glück erfahren. Es soll erstmal die stabile Grundhaltung darstellen, die sich ausbauen lässt. Aber alleine dadurch werden andere inspiriert und tauschen vielleicht ein Stück Unzufriedenheit für eine Portion Bescheidenheit aus. 5 neue T-Shirts gegen ein fairproduziertes ...

"Die Demut, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, ..."

Das Leben will keine Lange-weile, nichts weilt ewig als die ständige Veränderung. Stets stirbt etwas, wogegen wir nichts tun können als das Alte loszulassen und das Neugeborene zu begrüssen.

Das mag etwas verträumt klingen, und zugegebenermaßen, hätte ich es nicht schon so oft gelesen und verinnerlicht, würde ich das wohl kaum so scheinbar locker schreiben können. Denn natürlich ist Schmerz damit verbunden, genauso wenn ich lese, dass bereits 97% aller Wirbeltiere unter menschlicher Gewalt stehen und der Regenwald weiter gerodet wird. Aber wenn ich diese schmerzliche Wahrheit wahrnehmen will, muss ein Weg gefunden werden, diese auch zu akzeptieren, ohne dabei im eigenen Leid zu versinken - das hilft nämlich genau niemanden - außer vielleicht den jobsuchenden Psychotherapeuten.

"...den Mut, zu ändern, was ich ändern kann,..."

Was eine einzige Person schon ändern kann? Mit dieser Einstellung nichts. Wenn ich überlege, wer wirklich maßgebliche Zeichen und Schritte gesetzt hat, dann fallen mir meist einzelne Personen oder zumindest einzelne Gruppierungen ein.

Schau dir das einmal an, dauert keine 2min, aber dreh bitte davor deine Boxen auf (keine Sorge, sehr ruhig): http://www.youtube.com/watch?v=l_Twc1jURn4

Was empfindest du dabei? Würde mich sehr interessieren, ob es ähnlich auf dich wirkt. Ich bleibe nun wirklich bescheiden, ... und ende mit diesen zitierten, bescheidenen Worten.

"Die Demut, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann,
den Mut, zu ändern, was ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Das ist es, was ich für mein Leben wünsche."


Danke für deine Anteilnahme!

Sonntag, 3. Februar 2008

Vielfalt

Es scheint der Wille der Evolution zu sein, dass sich alles Lebendige stets weiter entwickelt und dabei jede neue Erscheinung das "Alte" in sich trägt. So hat jede Lebensform ihre ganz eigenen Eigenschaften und doch besitzen sie alle eine gemeinsame Basisstruktur. Atome - Moleküle - Zellen - Organismen... Dabei schließt die neue Form immer die alte mit ein, ohne dabei nur eine bloße Ansammlung von beispielsweise Zellen zu sein - sondern es entsteht auch eine neue Funktion - es wird vielfältiger.

Die Menschen sind mit einer Selbstreflexion ausgestattet, die keine Lebensform davor besaß. So sind wir beispielsweise die einzigen Lebewesen, denen bewusst ist, dass sie sterben werden. Wenn dieses Wissen bloß etwas weiter greifen würde: Nämlich, dass wir trotzdem genauso Natur sind und deren Zerstörung einer Vernichtung der eigenen Lebensgrundlage gleicht.

"Treffen sich 2 Planeten. Na wie gehts? Nicht so gut - ich hab Homo sapiens! Ach, das geht vorbei."

Erst kürzlich habe ich eine Studie über die Situation unserer Meere gelesen. Aufgrund der Wassererwärmung und der enormen Verschmutzung der Gewässer breiten sich primitive Organismen wieder rasant aus - und weit entwickelte Meeressäuger sterben aus. Die Fischerei-Schlachtschiffe tun ihr übriges. Ein Rückgang der Evolution also?

Von wegen der Stärkere setzt sich durch. Der Stärkere zerstört bloß seine eigene Grundlage, wenn er nicht lernt zu kooperieren. Wie der Mensch aus zigtausenden Bakterien besteht, die scheinbar gelernt haben zusammenzuarbeiten, genauso müssen wir auch lernen, mit unserer Welt im Einklang zu leben, wenn wir uns nicht selbst ausrotten wollen.

Es geht um viel mehr!

Wir Menschen sind mit enormer Vielfalt ausgestattet - jedes Individuum für sich unersetzbar und doch so ähnliche Bedürfnisse. Oft fällt es mir dabei selbst schwer, diese Vielfalt wirklich so wertzuschätzen. Wenn mich etwas sehr beeindruckt, fühle ich manchmal zum Beispiel nicht nur diese postive Anerkennung eines anderen, sondern auch eine gewisse unangenehme Portion Neid. Warum habe ich noch nicht diese Ausbildung gemacht, warum habe ich noch nicht gelernt so offen vor einem Publikum zu sprechen und warum kann ich noch keine Wände hochlaufen? Damit folge ich immer wieder der sogenannten Anleitung zum Unglücklich sein, nämlich in dem ich mich mit anderen vergleiche (und bewerte).

Langsam aber doch lerne ich, diese Ansicht umzudrehen: Wow, schön, dass der Dinge macht, die mich scheinbar auch interessieren. Und je stärker diese Anziehung ist, desto genauer muss ich schauen, was dahinter steckt - welche Werte und eigenen (unerfüllten) Wünsche.

Aber das Schönste dabei ist ja die Inspiration.

Stell dir einmal vor, es gäbe keinen Menschen, der dich irgendwie interessieren würde oder der nichts an sich hat, was du auch gern lernen würdest! Wie langweilig! Wie könnten wir als Menschheit die dringend notwendige Wandlung weiter vollziehen - wenn es keine unterschiedlichen, vielfältigen Qualitäten gäbe, die zusammen ein Bild - eine Welt - ergeben. Was wäre die Intellektuelle ohne Menschen, die ihr Liebe schenken und was wäre eine Person voller Vertrauen, wenn sie keine Anregungen von Büchern bzw. erfahrenen Autoren bekäme, um ihre wertvollen Gedanken zu verkünden.

"Ein Nein bedeutet nur ein Ja zu etwas anderem. Wir müssen das Ja hinter dem Nein finden."

Ich war lange genug dagegen - und ich denke, das war auch anfangs notwendig, bis ich alles erfasst habe, mit dem ich nicht einverstanden bin. Und jetzt heißt es, nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein. In meinem Bezirk werden die Scheiben der FPÖ Zentrale (=rechtsextreme Partei) immer wieder eingeschlagen. Im ersten Moment hat das Positive überwiegt, nämlich die Message: Rassismus ist hier unerwünscht. Doch passiert hier nicht genauso Ausgrenzung? Wie wird dieser Vandalismus wohl interpretiert - wird er nicht weiteren Hass schüren?

So schwer es auch wirken mag, die Akzeptanz und das Begrüssen der Vielfalt muss soweit gehen, dass auch diese Menschen anerkannt werden. Nicht ihre Aussagen, aber das, was dahinter steckt.

„Alle Form von Gewalt ist ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse."

Rosenbergs gewaltfreie Kommunikation ist eine der vielfältigen Lösungsansätze, deren wir uns dabei bedienen können. Und davon gibt es ja genug, Dank der Vielfalt. Wir müssen uns dabei nur unserer (inneren!) Natur vermehrt zuwenden und deren Weisheiten erkennen - und anwenden. Damit die Artenvielfalt nicht weiter darunter leiden muss, weil wir viel zu einfältig sind und nicht wagen, unser Potenzial weiter zu entfalten.

Mittwoch, 30. Januar 2008

Gandhi

Zum 60. Mal jährt sich heute der Todestag von Gandhi. Die Art und Weise, wie er sich für die Rechte der Armen und Unterdrückten einsetzte, beeindruckt mich zu tiefst. Er lehnte sich gegen das übermächtige britische Empire auf und blieb dabei seinen 2 Prinzipien treu: Gewaltlosigkeit und das Festhalten an der Wahrheit. Denn:

„Wahrheit schließt die Anwendung von Gewalt aus, da der Mensch nicht fähig ist, die absolute Wahrheit zu erkennen und deshalb auch nicht berechtigt ist zu bestrafen.“

Seine Bescheidenheit und die unbändige Willenkraft, die er regelmäßig durch seinen zivilen Ungehorsam zeigte, ließen ihn zum Mahatma, der großen Seele Indiens, werden. Bis zur Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1947, welche aufgrund religiöser Konflikte mit einer (für ihn schmerzlichen) Trennung in ein muslimisches Pakistan und ein hinduistisches, aber säkuläres Indien besiegelt wurde, hielt man Gandhi insgesamt 8 Jahre gefangen.

"Auge um Auge und die Welt wird blind."

Gewalt war für ihn die Waffe der Schwachen, die sich nicht anders mit Konflikten auszusetzen wussten. Auch für mich ist es eine Art Hilfeschrei, ein Mangel an Vertrauen und Liebe, ein selbstschützender Reflex, seine eigene Verletztheit auch anderen zufügen zu wollen. Einige mystische Lehren, und Gandhi galt als sehr spirituell, gehen davon aus, dass es im Innen genauso wie im Außen ist. Solange ich also nicht meine eigenen Wunden heile und im Einklang mit mir selbst bin, wird es mir auch nicht gelingen, die Bedürfnisse und auch die Wunden anderer zu sehen und zu heilen. Ganz im Sinne von:

"Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst."

Diese Aussage erinnert mich immer wieder daran, dass es an mir liegt, mich in die Richtung zu entwickeln, die ich (er)leben möchte. Wir können zwar nicht die Welt an sich verändern, aber was wir verändern können, sind unsere Einstellungen und damit auch die Art des Erlebens ihr und uns gegenüber. Wenn mich also einmal wieder ein/e rechtskonservative/r PolitikerIn derartig aufregt, dass ich mich innerlich verurteilen höre, wie mensch nur so daneben sein kann, dann blicke ich genauer hin. Ich kann zwar diesen Menschen nicht unmittelbar beeinflussen, aber was ich kann, ist versuchen zu verstehen. Warum ist mensch zu solchen Worten oder Taten bereit, wie kommt er dazu?

Anfangs, als ich Bush's Biographie durchgeblickt habe und entdeckte, dass er alkoholsüchtig (gewesen) ist, dachte ich mir: Das gibts ja nicht, wie kann so ein Typ bloß Präsident sein. Heute blick ich mit anderen Augen auf ihn, ich empfinde ehrliches Mitgefühl mit ihm. Ich bin mir sicher, dass er in einer sehr, sehr schwierigen, wohl auch distanzierten Familie aufgewachsen ist und wenige wirklich intime Begegnungen machen durfte. Seine Hinweise, dass Gott ihn beim Irakkrieg unterstützen würde, zeigen seine Hilfslosigkeit (auch wenn es nur ein PR Maßnahme war). Genauso verrückt ist ja beispielsweise der japanische Verteidigungsminister, der erst kürzlich offiziell angekündigte, sich gegen eine Invasion von Außerirdischen aufzurüsten. Er muss wohl doch zu oft Godzilla gesehen haben, auf den er sich übrigens sogar in seiner Rede bezieht. Auch mein tiefstes Mitgefühl an diesen änglichsten Kerl, der sich wohl nicht mal in einem Atombunker sicher fühlen wird.
Aber kommen wir zurück zu Gandhi:

Was war seine Vision?

... und was können wir heute noch von ihm lernen? Indien ist heute wie jedes sogenannte Schwellenland tief gespalten: ca. 5% der indischen Bevölkerung erleben einen Wirtschaftsboom und einen rasanten Anstieg des Lebensstandards, während die ländliche Bevölkerung (60%) ums Überleben kämpft und bis zu 50% der Menschen in den Großstädten in Slums unterkommen müssen.

Gandhi's Bemühungen, Indien zu einem sozial gerechten, friedlichen Staat zu entwickeln, schienen nicht nachhaltig gewirkt zu haben. Seine Appelle an politische Führer, bei jeder Entscheidung sich das Gesicht des ärmsten Menschen vor Auge zu führen, den sie begegnet sind und sich dabei zu fragen, ob diese Maßnahme diesen Menschen unterstützen wird, scheint weitgehend unbeherzigt. Was wir trotz aller ernüchternden Entwicklungen aber nach wie vor nicht unterschätzen und wir uns, im Gegenteil, dadurch bestärken lassen sollten, ist: Wozu ein Mensch in der Lage sein kann, wenn er wirklich will. Oder wie Gandhi meinte (und lebte!):

"Es gibt keinen Weg zum Frieden - der Frieden ist der Weg."

Montag, 28. Januar 2008

Weniger ist mehr

Zumindest in vielen Fällen. Wenn ich an Artenvielfalt, Regenwälder und sauberes Trinkwasser denke, dann ist selbstverständlich mehr wertvoller.
Worauf ich aber heute eingehen möchte - da ich damit auch in diesem Weblog konfrontiert werde - ist die Selektion von Inhalten (jeder Art, jederzeit). Wenn ich beim Schreiben phasenweise inne halte und horche, was ich zum Ausdruck bringen will, werde ich oft schlicht von Ideen überflutet. Je mehr ich sie in den Text einfließen lasse, desto schwieriger wird es, diese miteinander zu verknüpfen. Gerade im letzten Eintrag habe ich wohl zuviel mit hineingenommen und den einzelnen Facetten zu wenig Raum gelassen.

Diese Problematik, oder drücken wir es freundlicher aus: diese Chancen ergeben sich genauso in meinem Leben. Wenn ich von einer Sozioökonomie Vorlesung zu einem Pädagogik Seminar spaziere, kommt genauso die Frage: Wie passt das eigentlich alles zusammen? Seine Nase in möglichst viele Interessensgebiete zu stecken und dabei zu erforschen, ob und falls ja, was einem dabei anzieht, gibt einem eine gute Orientierung. Eine Art Landkarte, die mensch sich dann zur Hand nehmen kann, wenn es heißt, seine Ziele zu formulieren. Mit diesen Erfahrungen stehen die Chancen ganz gut, den eigenen Weg zu finden.

Differenzierung und: Integration!


Allerdings hat dieses Erforschen auch eine Kehrseite: bleibt mensch an der Oberfläche und geht nicht tiefer, dann fehlt die Klarheit darüber, was einem genau bewegt hat. Bildhaft gesprochen wäre es wohl die Landkarte, deren Maßstab sich immer mehr vergrößert: Vielleicht ist bereits die ganze Welt darauf abgebildet. Dabei wird es aber umso schwieriger, seine entdeckten Plätze wiederzufinden.

In der menschlichen Entwicklung gehören stets zwei Verhaltensweisen zusammen: Differenzierung, also neues Wissen und Erfahrungen aneignen und: Integration dieser. Letzteres wird stark unterschätzt, da es in einer Leistungsgesellschaft keine Zeit dafür gibt. Der Professor eines Supervision-Seminars mit dem Titel "Ich und der Sinn meines Studiums" ging soweit, dass er meinte, er hielte jene Studierende, die in Mindeststudienzeit absolvieren, für gefährlich (für die Gesellschaft).

"Die Uni sollte ein Ort der Entschleunigung sein"

... fügte er hinzu. Ein seltenes Exemplar von Prof an einer Uni: schade? Oder doch einfach dankbar dafür? Eine Ansichtssache. Mit letzterem fühl ich mich weit besser, was will ich mehr? Und überhaupt, liegt es nicht an mir, ob ich mich entschleunige und Zeit fürs Integrieren nehme oder nicht? Das Beginnt bei Alltäglichem wie die Art des Gehens, mit Scheuklappen gerade aus in vollem Tempo oder ruhig und wahr-nehmend. Das bewusste Atmen hilft mir dabei, mich von den oft unnötigen Gedanken ins Fühlen zu bringen. Alleine dieses andere Empfinden ist es wert, weniger den Tag zu verplanen und: mehr Zeit für weniger zu nehmen.

Ob das dann lernen, Sport, Freunde treffen oder fernsehen ist ,sei einem selbst überlassen: Hauptsache mensch wählt für sich etwas Wert-volles. Denn wir geben ja auch stets unseren wertvollsten Besitz: unsere Zeit.

In diesem Sinne: Danke für deine Zeit,

Christian

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