Samstag, 26. Januar 2008

Rituale

"Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen."


Ein Auszug aus Hesse's Stufen Gedicht. Jenes, dass ich bereits vor einigen Jahren lieb gewonnen habe und mir Kraft und Verständnis für die Auf- und Umbrüche im Laufe eines Lebens gab und gibt.

Vergangene Woche habe ich dieses Gedicht beim Trauergottesdienst meiner verstorbenen 94-jährigen Großmutter in einer katholischen Kirche vorlesen dürfen. Als ich zu den obigen Zeilen kam, tauchte in mir die Frage auf, ob es angebracht sei, diese Worte an ein Publikum zu richten, die ihr Leben lang in einem ländlichen Dorf verbracht haben.

Würden sie es missverstehen?


Bereits zu Beginn des Begräbnisses nahm ich die Gebete, Rituale und Sitten behutsam war, wie sie auf mich wirkten, wie ich mit ihnen zurecht kam und wie mein Verhalten von anderen wahrgenommen wird. Nach einem jahrzehntelangen Widerstand gegen alles Kirchliche, fühlte ich überraschenderweise erstmals Verständnis und Akzeptanz.

"Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten."


Ja, scheinbar Widersprüchliches kann neben einander stehen, wenn man nur lange genug hinblickt und die Einheit hinter den Gegensätzen erahnt ... in diesem Fall war es der Abschied einer tüchtigen, herzlichen Frau, die noch bis ins hohe Alter tatkräftig mitanpackte. Katholische, evangelische oder schamanistische Trauerfeier, ganz gleich! Was zählt ist schlussendlich nicht die Verpackung oder die Form, sondern der Inhalt.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst


Ich schätze das Bild der Brunnen, die die unterschiedlichen Religionen darstellen soll. Der eine mag etwas tiefgründiger sein als der andere, doch schlussendlich führen sie doch zu ein und demselben: zur Quelle des Lebens. Ob Mensch es jetzt Gott, Liebe oder Mutter Erde bezeichnet, ist jedem selbst überlassen. Solange es einem dazu inspiriert, Frieden und Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln, ist der Name dazu bloß Mittel zum Zweck.

"Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."


Ein Aufbruch vielleicht nicht nur als Ausruf im Sinne von Entdecken äußerer Landschaften, sondern (auch) als innere Reise zu sich selbst oder zu Gott (wenn darin ein Unterschied besteht)? Ja, auf diese Weise könnte man es auffassen, ohne sich mit dieser Aufforderung verletzt zu fühlen.

Und genauso habe ich die Gebete, Lieder und Predigten versucht auf meine Weise zu interpretieren, dass ich sie so stehen lassen kann, ohne Widerstand zu entwickeln. Es wäre auch etwas töricht, sich während des Abschieds eines Menschen mit eigenen (Religions)Konflikten auseinanderzusetzen.

Beeindruckt

... hat mich dann doch der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft, die geschlossen die letzte Ehre zu erwies. Die Kirche schafft dafür die Rahmenbedingungen, wofür es keine gesellschaftlich verbreitete Alternative zu geben scheint. Es wäre wohl an der Zeit, dass sich Atheisten ihre eigenen heiligen Rituale entwickeln - für Geburt, Zusammenschluss und Tod. Mich eingeschlossen. Und eigentlich könnten es ruhig mehr sein, ich denke die Bedeutung von Ritualen wird grundsätzlich unterschätzt bzw. etwas eigenwillig gelebt, wenn ich an Geburtstage oder Weihnachten denke.

Müssen die "entwickelten" Länder erst ihre eigenen Rituale entwickeln?

Ein Beispiel zum Schluss. Es ist/war in den (nordamerikanischen) indigenen Völkern weit verbreitet, ihre heranwachsenden Jugendlichen in eine Aus- und Fastzeit in die Natur zu schicken, um ihren Platz und Vision in der Gesellschaft zu finden. Und ich kann nur aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es ein sehr kraftvolles, sinn-volles Unterfangen ist.

Die Ältesten wiederum - aufgrund ihrer Erfahrung hochgeschätzt und geehrt - spüren, wann es Zeit ist zu gehen und errichten sich außerhalb des Stammes einen Platz, an dem sie ihre letzten Tage verbringen. So können die Mitmenschen in Ruhe Abschied nehmen.

Berührend, oder?

So genannte Rituale haben es schon in sich ... und wären in Zeiten von Altersheim bis Wegwerfgesellschaft hilfreich, den Blick aufs Wesentliche nicht zu verlieren.

Danke an dieser Stelle an meinen Vater Johann, dass er folgendes Gedicht für mich beim Gottesdienst ausgewählt und mir diese Erfahrung geschenkt hat: das jeder auf seine Weise etwas Einbringen kann, auch oder gerade in Umgebungen, in denen man sich nicht heimisch fühlt.

Christian



Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde !

Hermann Hesse

Freitag, 25. Januar 2008

Der erste Schritt

Nach einer langen Reise durch Gedanken- und Gefühle-Welten erfolgte wieder einmal der Ruf: Schreib es doch auf, für dich und vielleicht auch für manch andere. Bis jetzt kam mir immer wieder mein Perfektionismus in die Quere: Nein, kein kommerzieller Weblog mit einer unsympathischen Websiteadresse und vielleicht gar Werbung...

Als Alternative folgten großartige Ideen, inspierende Visionen wie nicht ein Netzwerk geprägt von Erfahrungs- und Ideenaustausch entstehen könnte ... aber da Träume keine Ende zu haben scheinen, blieb es vorerst beim Träumen.

Daher mein Entschluss, mich auf das zu konzentrieren, was die wirkliche Motivation zu sein scheint: mit-zu-teilen. Achtsam zu beobachten und zu fühlen, was in mir vorgeht und dabei den Blick aufs Wesentliche nicht zu verlieren. Das, was mich und dich ausmacht.

Was ist lebendig in dir?

Die Ausrichtung, inne zu halten und zu schauen, was gerade in mir lebt, finde ich sehr anregend: Bin ich denn lebendig, kann ich mich und das was mich ausmacht (aus)leben, habe ich eine Verbindung zu dem, was mich bewegt, zum inneren Feuer, das mich vorantreiben will? Nehme ich meine Gedanken und Gefühle bewusst wahr, verstehe ich sie und: Kann ich mit ihnen umgehen? Lass ich sie zu und nimm sie an oder unterdrücke ich sie und lenke mich ab?

Fragen, deren Bedeutungen wohl keine Grenzen kennen, denn ist es nicht das, was unser Leben ausmacht: der entscheidende Faktor, ob wir glücklich (er)leben oder nicht. Wie wenig hilft mir äußerer Reichtum - wenn ich die Vielfalt der inneren Schätze nicht wertschätze.

"Ohne die Entwicklung von innerem Frieden,
gibt es keinen äußeren Frieden."


Eine Aussage voller Einfachheit und Klarheit. Und doch wohl die größte Herausforderung, die wir im Leben gestellt bekommen: Den inneren Krieg gegen sich selbst aufzugeben. Dazu muss Mensch bereit sein, sich allen Aspekten zuzuwenden, gerade auch seinen Schwächen und Ängsten. Sie haben immer eine Ursache, deren Entdeckung es wert ist, genauer hinzusehen.

Meine Erfahrungen haben mir nach und nach bewusst gemacht, dass das Zeigen von Gefühlen Vertrauen und tiefere Verbindung entstehen lässt, die in einem oberflächlichen Gespräch nicht zu stande kommen. Sind es nicht gerade diese Momente der Verbindungen, in denen wir uns blind zu verstehen scheinen, die das Leben wert-voll machen? In denen wir Zeit und Raum vergessen und einfach nur da sind: in der "Presence".

"Life is a gift, that's why we call it present."

Einen weiteren Schritt in diese offene Begegnung möchte ich durch diesen Weblog gehen und mich an dem zu erfreuen, was in mir - und falls du Lust hast auch in dir - lebendig ist. Wir alle haben Träume. Manche lassen sich alleine umsetzen, wie dieser Weblog. Auch wenn er seinen Sinn nicht erfüllen würde, wenn er nicht von dir gelesen wird und daraus ein Dialog entsteht.

Andere sind weit schwieriger umzusetzen, dafür brauchen wir Menschen, die sowohl das selbe Ziel verfolgen als auch die Vielfalt der Bedürfnisse der Gruppe respektieren. Und dabei wären wir wieder beim Zuhören, beim Verstehen wollen, beim Zeit nehmen. Ein Prozess und ein Thema, dass mich wohl noch manch andere Stunde beschäftigen wird...

Danke für's Zuhören - gern höre ich auch von Dir!

Christian

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